Bildung nur für Reiche? Nein Danke!

Veröffentlicht am 12. Dezember, 2007 in Bildung

(Ein Bundesweit publizierter Text von mir im Nationalratswahlkampf 2006)

Die letzten 6 Jahre waren bittere, schwarze Jahre für das österreichische Bildungssystem. Um das zu bemerken braucht man nicht einmal die PISA-Studie, sondern muss nur mit offenen Augen durch die Schulen und Unis gehen. Das Bildungssystem ist kaputtgespart.

Als Schulsprecher habe ich jahrelang mit ansehen müssen, wie in meiner Schule kaputte Physik-Geräte nicht mehr ersetzt werden konnten. Wie junge LehrerInnen jedes Jahr zittern mussten, ob sie im kommenden Jahr „eingespart“ werden, obwohl immer weniger LehrerInnen immer größere Klassen unterrichten. Wie überall Stunden gekürzt werden außer in Religion(!).
Ich habe auch mit ansehen müssen, wie sich aus diesen Gründen immer mehr Bildung von der Schule in den teuren privaten Nachhilfeunterricht verlagert (Anm. Jede österreichische Familie zahlt im Schnitt 627 € für private Nachhilfe: Für weniger begüterte Familien bedeutet das Verzicht).

Was zusätzlich zur schlechten Stimmung in den Schulen beigetragen hat, war auch die neue Universitäts-Sparpolitik „Copyright Elisabeth Gehrer“ und ihre Einführung der Studiengebühren. Das Argument, „dass die StudentInnen dann schneller mit dem Studieren fertig werden“ hat sich als fataler Fehler erwiesen: Denn diejenigen, die nicht aus einem reichen Haushalt kommen oder nicht ihre finanzielle Unterstützung von Zuhause bekommen, müssen jetzt neben dem Studium (in oftmals prekären Verhältnissen) arbeiten, um sich das Studieren überhaupt leisten zu können. Das wiederum verlängert meistens ihre Studienzeit. Also nicht Verkürzung für alle, sondern teure Studien-Verlängerung für die vielen.

Aus diesem Grund fangen immer weniger überhaupt erst mit dem Studieren an. Österreich ist eines der wenigen OECD-Ländern, das heute weniger StudentInnen hat als noch 1995!
Es kommt einem vor, als würde die ehemalige Volksschullehrerin Gehrer StudentInnen geradezu als Feinde sehen. Ich sage: Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr StudentInnen, am besten doppelt so viele. Das Ganze ohne Studiengebühren, mit freiem Uni-Zugang für jedeN, auch wenn er/sie aus einem armen Elternhaus kommt.

Wie das finanziert werden soll? Ganz einfach: Wenn Elisabeth Gehrer anstatt einzusparen auch nur den Prozent-Anteil des Bildungsbudgets am BIP (Brutto Inlands Produkt) von 1995 gelassen hätte, hätten wir heute eine Milliarde Euro mehr für Schulen und Unis zur Verfügung. Dazu kommt, dass Gehrers Sparkurs vollkommen unnötig ist, denn das allgemeine Staatsbudget ist seither doppelt so hoch gestiegen wie das Bildungsbudget: Das Geld ist also eindeutig da, es ist nur eine Sache des Wollens.

Österreich hat eine wissensbasierte Wirtschaft. Wenn die ÖVP jetzt aber bei einsparenden Budgetverschönerungsaktionen das Fundament zur Aneignung von Wissen zertrümmert, geht längerfristig die ganze Wirtschaft zu Grunde. Zusätzlich darf für uns Grüne „Bildung“ nicht auf „Berufsausbildung“ zur Arbeitsprozesseingliederung reduziert werden, wie das die ÖVP tut, sondern muss Orientierung ermöglichen und der Heranbildung von autonomen kritikfähigen Menschen dienen.

Ich hoffe, dass am 1.Oktober der ÖVP der ungedeckte Scheck ihrer Bildungspolitik für die wenigen präsentiert wird, damit in Zukunft alle in Österreich die gleichen Rechte, die gleichen Chancen, die gleichen Möglichkeiten haben.

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Rettet die Gesamtschule!

Veröffentlicht am 11. Dezember, 2007 in Bildung

Ein Experiment strandet in Kärnten. (Von mir veröffentlicht im Grünen Blatt “Sommer 2007″)

Wir Grüne wollen eine umgreifende Veränderung des österreichischen Bildungssystems. Weg von einer (a)sozialen Aussortierung von 9-Jährigen, wo nur der Status der Eltern entscheidet, hin zu einer Gesamt-Schule, die Chancengleichheit garantiert. Weg vom erwiesenermaßen unklugen Frontalunterricht, hin zu größtmöglicher Selbst- und Mitbestimmung der SchülerInnen und zum Nutzen der verschiedenen Lerntypen. Weg von der momentanen Gleichmacherei, hin zur Förderung von Interessen und Fähigkeiten. Das sind die Grundpfeiler öko-sozialer Grüner Bildungspolitik.

Deshalb sagten sich viele Grüne als erstes: „Endlich ein Versuch!“, als vor ein paar Wochen bekannt wurde, dass genau Kärnten „Modellregion“ für die Gesamtschule wird. Als aber immer klarer wurde, wie dieses „Modell“ aussehen soll, begann man sich schon etwas leiser zu freuen.
Überhaupt machte jedeN stutzig, dass genau Kärnten an vorderster Front dabei war. Denn Haider und seine stets wechselnden ‚Bildungsspezialisten’ haben jahrelang nichts anderes getan, als die Grüne Idee der Gesamtschule schlechtzureden. Jahrelang haben sie in Kärnten und in der Bundesregierung alles unternommen, damit die elitäre Schubladisierung von 9-Jährigen ja erhalten bleibt. Auch Uwe Scheuch hat das immer betrieben. Aber das Orangen-Gedächtnis ist bekanntlich kurz. Mindestens gleich kurz wie das Westenthaler-Bildungsprogramm, welches gerade einmal 6 Zeilen umfasst. Vielleicht ist das orange Gedächtnis aber auch so kurz wie ihr Kärntner Bildungsprogramm – es gibt keines. Kein Programm, keinen Tau, aber „Wir vertrauen ihm“.
Auch als ich vor einem dreiviertel Jahr auf dem Podium mit Uwe Scheuch vor 300 SchülervertreterInnen diskutiert habe, hatte er kein Programm, keinen Bildungs-Plan, und er versuchte durchgehend auf den BAWAG-Skandal abzuweichen. Heute ist er Kärntner Bildungslandesrat.

Ähnlich planlos wie Scheuch ist auch der Gesamtschulversuch. Es ist angedacht, ein bis drei Klassen in Kärnten herzunehmen und sie, leicht verändert, einfach in „Gesamtschulklassen“ umzubenennen. Begleitend und danach wird „evaluiert“. Diese Klassen sind dann aber nicht repräsentativ, denn nach wie vor wird der Unternehmersohn das Gymnasium und die Migrantinnentochter die Hauptschule besuchen. Eines ist jetzt schon klar: Die Test-Klassen werden nicht die zukünftige Gesamtschule widerspiegeln, es wird das Falsche gemessen werden. Die Ergebnisse wären nahezu wertlos. In solch einem Versuch müssten dazu viele verstaubte Schulstrukturen erneuert werden - nicht nur der Name einiger Klassen. Dabei gibt es ganze Staaten, die Österreich als „Modellregionen“ verwenden könnte. Allen voran PISA-Favorit Finnland. Wofür also noch ein Jahrzehnt sinnlos evaluieren? Um die Probleme noch in 10 Jahren zu haben? Ein sinnvolles l wäre nur gegeben, wenn ganz Kärnten oder wenigstens ein ganzer Bezirk einbezogen wird. Denn eine Gesamtschule muss auch wirklich eine Gesamtschule sein.

Trotz Scheinaktivität herrscht in Kärnten Planlosigkeit, da die Bildungspolitik wie in keinem anderen Land von Parteien und speziell der stärksten Partei durchtränkt ist. Der Proporz und die Freunderlwirtschaft erlangen in der Kärntner Bildungspolitik die Vollkommenheit: Landesschulratspräsident ist Haider, seine Geschäftsführerin ist Claudia Egger (BZÖ), der Bildungs-Landesrat ist Uwe Scheuch (BZÖ), und der Landesschulrat selbst ist fast völlig in der Hand des BZÖ. Auch bei der DirektorInnenbestellung: Oranges oder rotes Parteibuch – das ist, was zählt.
Die 31.000 Kärntner SchülerInnen haben im Bildungs-System im Gegensatz dazu nichts mit zu entscheiden. Nicht einmal als LandesschulsprecherIn kann man irgendetwas beeinflussen. Kein Stimmrecht, nirgends, man wird nur informiert. Die gewählte Landesschülervertretung ist ein einziges großes Feigenblatt, um zu vertuschen, dass alles von den Proporz-Parteien BZÖ und SPÖ bestimmt wird.
Als ich kürzlich einmal zum Kollegium (dem aus Parteien zusammengesetzten höchsten Gremium des LSR) eingeladen wurde und dort eine kurze Rede gegen das neue Anmeldeverfahren gehalten habe, hat man mir gesagt, dass vorher noch nie einE SchülervertreterIn das Wort erhoben hat. Die LandesschülerInnenvertretung gibt es aber seit rund 20 Jahren. Es macht aber auch keinen Sinn etwas zu sagen, alles ist schon vorher ausgemacht. Die SchülerInnen sind die einzigen, die nichts mitzureden haben. Auch die Grünen sind, aufgrund des Kärntner Wahlrechts, vollkommen unterrepräsentiert.

Resümee: Der Gesamtschulversuch müsste zumindest alle SchülerInnen einer bestimmten Region erfassen – ausnahmslos. Wir Grüne wollen eine solidarische „Gemeinsame Schule“. Und das so schnell wie möglich. Es ist schon zuviel Zeit und Zukunft vergeudet worden.

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Leserbriefe - Kärntner Tageszeitung

Veröffentlicht am 1. Januar, 1970 in Bildung

KTZ Kleine unhaltbare Anschuldigungen per Leserbrief am Frühstückstisch gefällig? Hier:

Schule

Der Bildungssprecher der Grünen, Julian Schmid, sieht sich als großer Tabubrecher, da er das private Nachhilfesystem kritisiert und nur der Schule die Schuld für schlechte Leistungen gibt.
In diesem Zusammenhang sei die Frage erlaubt, ob alle in der richtigen Schule sitzen, wenn sie Unsummen in privaten Parallelunterricht investieren wollen. Es ist in Österreich die Wahl des Bildungsweges stärker als anderswo an das Elternhaus gekoppelt. Für viele Eltern ist es aber nach wie vor ein Imageproblem, wenn ihre Kinder den Bildungsweg über die Lehre einschlagen.
Bei all dem Zulauf für Höhere Schulen sollte aber nicht übersehen werden, dass neben der höheren Schule auch die Pflichtschule und die Lehre tragende Säulen im österreichischen Bildungssystem sind. Es wird aber der Matura zu viel Prestige gewidmet und die Vielfalt der 270 Lehrberufe sowie die möglichen weiteren Karriereschritte sind dem grünen Jugendsprecher wohl nicht bekannt. Ein großer Teil der Jugendlichen, die sich schon sehr früh berufliche Bildung aneignen, werden hier nicht erwähnt.
Aber es gibt kontinuierliche solide Unterrichtsarbeit, welche auf die duale Ausbildung vorbereitet, schon seit vielen Jahren an den Polytechnischen Schulen. Kann es sein, dass die Grünen die berufliche Qualifikation über die Lehre nicht als Bildung anerkennen?
Nur wenn es in Zukunft gelingt, den Stellenwert der Facharbeit mit der Wertigkeit der schulischen Ausbildung gleichzustellen, können wir dem steigenden Fachkräftemangel wirkungsvoll entgegentreten. Es soll auch nicht vergessen werden, die Lehrlinge von heute sind die Facharbeiter von morgen und die Unternehmer von übermorgen.

Wolfgang Domenig, Polytechnische Schule, Lerchenfeldstraße 35, 9020 Klagenfurt

MEINE ANTWORT:

Wichtige Lehre

Im Leserbrief vom 3.5. schreibt Herr Wolfgang Domenig, warum ich, als Grüner Jugendsprecher gegen die Privatisierung der Bildung durch die Private Nachhilfe schreibe, gleichzeitig aber nicht die leider unterbewertete Lehre erwähne.
Warum? Ganz einfach: Mein Leserbrief war kein Bildungsprogramm. Es ging um die tausenden Familien, die schweigend immer mehr Geld in die Privat-Nachhilfe ihrer Kinder stecken: Ein heimliches „Schulgeld“ welches langsam zur Normalität wird. In Österreich werden Kinder mit 9 Jahren „selektiert“. In diesem Alter kann niemand sicher sagen, wo die Stärken eines Kindes liegen. Viele sitzen dadurch in der falschen Schule. Wir brauchen eine „Gemeinsame Schule“ bis 15, in der Interessen erkannt werden und auch das Interesse für die 270 Lehrberufe geweckt wird. Die Lehre würde damit aufgewertet werden. Es soll nicht sein, dass sie nur aus „Imagegründen“ der Eltern nicht gemacht wird! Widersprechen muss ich Herrn Domenig aber, dass „Lehrlinge sind die Unternehmer von morgen“ seien: Dieses Weltbild ist heute leider zu einfach und ignoriert die neue „junge“ Arbeitswelt, in der die Aufstiegschancen für Lehrlinge immer kleiner werden: Wer Glück hat, findet eine Lehrstelle; wer mehr Geld hat, kann sich das etwaige Heim für die Berufsschule leisten; wer mehr Glück hat wird in der Firma behalten; wer ein Glückspilz ist, bekommt einen normalen Vertrag - Der Aufstieg von dort ist aber selten und die Meisterprüfung kostet viel. Wenn wir eine Aufwertung der Lehre wollen, müssen wir an vielen Rädern drehen.
In unserem Bildungssystem liegt viel im Argen und es bedarf großer Reformen um es effizienter und gerechter zu machen. Es ist schon zuviel Zeit und Zukunft vergeudet worden.

Julian Schmid
Jugendsprecher der Grünen

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