Bildung nur für Reiche? Nein Danke!
(Ein Bundesweit publizierter Text von mir im Nationalratswahlkampf 2006)
Die letzten 6 Jahre waren bittere, schwarze Jahre für das österreichische Bildungssystem. Um das zu bemerken braucht man nicht einmal die PISA-Studie, sondern muss nur mit offenen Augen durch die Schulen und Unis gehen. Das Bildungssystem ist kaputtgespart.
Als Schulsprecher habe ich jahrelang mit ansehen müssen, wie in meiner Schule kaputte Physik-Geräte nicht mehr ersetzt werden konnten. Wie junge LehrerInnen jedes Jahr zittern mussten, ob sie im kommenden Jahr „eingespart“ werden, obwohl immer weniger LehrerInnen immer größere Klassen unterrichten. Wie überall Stunden gekürzt werden außer in Religion(!).
Ich habe auch mit ansehen müssen, wie sich aus diesen Gründen immer mehr Bildung von der Schule in den teuren privaten Nachhilfeunterricht verlagert (Anm. Jede österreichische Familie zahlt im Schnitt 627 € für private Nachhilfe: Für weniger begüterte Familien bedeutet das Verzicht).
Was zusätzlich zur schlechten Stimmung in den Schulen beigetragen hat, war auch die neue Universitäts-Sparpolitik „Copyright Elisabeth Gehrer“ und ihre Einführung der Studiengebühren. Das Argument, „dass die StudentInnen dann schneller mit dem Studieren fertig werden“ hat sich als fataler Fehler erwiesen: Denn diejenigen, die nicht aus einem reichen Haushalt kommen oder nicht ihre finanzielle Unterstützung von Zuhause bekommen, müssen jetzt neben dem Studium (in oftmals prekären Verhältnissen) arbeiten, um sich das Studieren überhaupt leisten zu können. Das wiederum verlängert meistens ihre Studienzeit. Also nicht Verkürzung für alle, sondern teure Studien-Verlängerung für die vielen.
Aus diesem Grund fangen immer weniger überhaupt erst mit dem Studieren an. Österreich ist eines der wenigen OECD-Ländern, das heute weniger StudentInnen hat als noch 1995!
Es kommt einem vor, als würde die ehemalige Volksschullehrerin Gehrer StudentInnen geradezu als Feinde sehen. Ich sage: Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr StudentInnen, am besten doppelt so viele. Das Ganze ohne Studiengebühren, mit freiem Uni-Zugang für jedeN, auch wenn er/sie aus einem armen Elternhaus kommt.
Wie das finanziert werden soll? Ganz einfach: Wenn Elisabeth Gehrer anstatt einzusparen auch nur den Prozent-Anteil des Bildungsbudgets am BIP (Brutto Inlands Produkt) von 1995 gelassen hätte, hätten wir heute eine Milliarde Euro mehr für Schulen und Unis zur Verfügung. Dazu kommt, dass Gehrers Sparkurs vollkommen unnötig ist, denn das allgemeine Staatsbudget ist seither doppelt so hoch gestiegen wie das Bildungsbudget: Das Geld ist also eindeutig da, es ist nur eine Sache des Wollens.
Österreich hat eine wissensbasierte Wirtschaft. Wenn die ÖVP jetzt aber bei einsparenden Budgetverschönerungsaktionen das Fundament zur Aneignung von Wissen zertrümmert, geht längerfristig die ganze Wirtschaft zu Grunde. Zusätzlich darf für uns Grüne „Bildung“ nicht auf „Berufsausbildung“ zur Arbeitsprozesseingliederung reduziert werden, wie das die ÖVP tut, sondern muss Orientierung ermöglichen und der Heranbildung von autonomen kritikfähigen Menschen dienen.
Ich hoffe, dass am 1.Oktober der ÖVP der ungedeckte Scheck ihrer Bildungspolitik für die wenigen präsentiert wird, damit in Zukunft alle in Österreich die gleichen Rechte, die gleichen Chancen, die gleichen Möglichkeiten haben.

Kleine unhaltbare Anschuldigungen per Leserbrief am Frühstückstisch gefällig? Hier: