Hochprozentige Pietät als Mundtodmacherin

Wie das BZÖ in Kärnten mit der „Pietät“ politische GegnerInnen zum schweigen bringt und wie die Medien ihm dabei helfen (Artikel von mir in der ÖH-Zeitung der Uni Wien “Unique”)

„Jörg Haider würde sich als Gewinner fühlen“, so kommentierte Heide Schmidt den Umgang mit dem Tod von Österreichs polarisierendsten Politiker. Und sie hatte Recht. Alle, die in Österreich etwas auf sich hielten, destillierten aus Haiders politischem Leben, mit aller Kraft, hochprozentige Anerkennung. Pietät wurde zum Partyknüller bis die Wirklichkeit langsam für alle verschwamm. Wenn Haider jetzt plötzlich doch wieder da wäre, er würde wahrscheinlich mehr Sympathien und Stimmen bekommen denn je.
GegnerInnen Haiders gab es genug, aber sie wurden plötzlich leise. Es wurde auf jeden Fall um einige Dezibel leiser geredet, über Haiders jahrzehntelange demagogische Hetze gegen Minderheiten und gegen sozial Schwache. Es wurde aus Pietät nicht mehr darüber geredet, dass Haider Markus Omofuma nach dessen gewaltsamen Abschiebungs-Tod im Flugzeug, bewusst falsch, als „Drogendealer“ und „Mörder unserer Kinder“ bezeichnet hat. Ganz ohne Pietät übrigens. Das einzige was von den großen Medien als „Kritik“ kam, war die homophobe und ein bisschen geile Frage was Haider denn wohl im Schwulenlokal und mit Stefan Petzner gemacht hat? In Kärnten wurde derweil, vom Rest-BZÖ, die hochprozentige Pietät munter noch weiter destilliert und zum Desinfektionsmittel gegen die verhassten politischen GegnerInnen gebrannt. Davon gibt es nämlich genug: Bei der Landtagswahl 2005 haben 58 Prozent Haider ausdrücklich nicht gewählt. Wenn man die GegnerInnen aber wegbekommen will, tut man einfach so, als gäbe es sie nicht. Die österreichischen Medien (die Linkeren wie der Mainstream) spielen bei diesem BZÖ-Spielchen seit Jahren mit. Heute mehr denn je. Ein kleines Ereignis am Rande der pompösen Haider-Verabschiedung hat das besonders gezeigt: Da war eine ältere Frau, als weinend-trauerndes Mütterchen in Trachten inszeniert, umringt von vier Fernsehkameras. Ein Kärntner HTL-Professor fragte die Kameraleute, ob sie nicht einmal ein Lokal um die Ecke gehen und RepräsentantInnen des „Anderen Kärnten“ interviewen wollen. Ein Kameramann sagte, dass er ein einheitliches Trauerbild ablichten soll und deshalb kein Interesse habe. Danach gingen die JournalistInnen in das Gasthaus „Pumpe“, das auch in Klagenfurt als besonders bierdunstig und haiderlastig gilt. Das gab schöne Bilder und verwirrte keineN in Wien. Danach noch ein paar Kerzen – und fertig der Bericht über „die Kärntner“. Fast scheint es, als hätten viele ein Interesse daran, ein homogenes „böses Haider-Kärnten“ in ihrem Weltbild zu erhalten. Helfen tut das aber nur dem BZÖ und die GegnerInnen bleiben allein. Im ORF-Kärnten wurde wochenlang Trauer zelebriert und die SchülerInnen mussten, per Weisung, stehend Trauerminuten abhalten. Lisa S. (17) und Wolfgang D. (18) die in Klagenfurt, kritische Flyer verteilt hatten, erhielten vor wenigen Wochen Anzeigen wegen „Störung einer Begräbnisfeier“. Ein bekannter Kärntner Journalist wollte in der Zeitung „Brücke“ einen Artikel über 1968 schreiben „wo die Kärntner Hippies nach Indien fuhren während Haider in seiner Burschenschaft ‚Silvania’ Deutschland besang“. Der Artikel wurde wegen diesem Satz, aus Angst vor Regierungskonsequenzen, gestrichen. Das Mundtodmachen ging bis zu der Absage der beliebten Stermann und Grissemann-Show, weil ihrem Organisator, aus Pietät die Autoreifen locker geschraubt wurden. „Wir Kärntner finden diese Satire-Rabauken pietätlos“ sagte Uwe Scheuch (BZÖ) unwidersprochen als einzigeR eingeladeneR KärntnerIn in der ORF-Sendung „Im Zentrum“. Wer Scheuch zu „den Kärntnern“ macht, der/die braucht sich nicht wundern, wenn viele KärntnerInnen ihn dann auch wählen.

One Response to “Hochprozentige Pietät als Mundtodmacherin”

  1. Gregor F. schreibt:

    Super Artikel!! Finde, das was du sagst, gehört echt einmal geschrieben, schade, dass das “nur” in einer Universitätszeitung abgedruckt ist. Das wir gegner da immer weggelassen werden ärgert mich extrem. Überhaupt: Da war ja wieder ein “im Zentrum” und es war wieder nur der Dörfler dort… gibt einem echt zu denken..

    LG

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