Kürzen bis der Wohlstand kommt
Über die Ökonomisierung der Bildung (Veröffentlicht in der Zeitung “Progress”)
Fast überall in Europa werden Universitäten besetzt und Studierende demonstrieren auf der Straße gegen die „Bildungsökonomisierung“, gegen „den Bolognaprozess“ der EU. Aber was ist eigentlich diese Ökonomisierung? Und vor allem: Wie betrifft sie uns Studierende?
Kurz gesagt versuchen die meisten Regierungen in Europa - auch der Österreichische Wissenschaftsminister Johannes Hahn – das Bildungssystem zu einer dienstleistungsähnlichen Ausbildungsstätte der Privatwirtschaft zu machen. Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Schon in den Wirtschaftskrisen der 1970er Jahre setzte sich öffentlich die Meinung durch, die europäischen Staaten seien „geldverschlingene Wohlfahrtsmonster“ die den Wettbewerb vernichten und wirtschaftlich unbeweglich seien. Im Laufe der Zeit wurden die Sozialstaaten mehr und mehr zu Wettbewerbsstaaten umgerüstet und Bildung wurde als zentraler Standortfaktor entdeckt - vom Kindergarten bis zur Hochschule. Speziell die Universitäten, als wichtiger Wachstumsmotor, sollten in den rauen Wind des internationalen Wettbewerbes treten und damit „effizienter“ werden. Da die Universitäten das nicht freiwillig taten, sollte die bisherige demokratische Steuerung durch betriebswirtschaftliche Sachzwänge ersetzt werden. Eventuell auch über radikale staatliche Budgetkürzungen und Einschränkungen der Uni-Demokratie. Bildung sollte nicht mehr als Grundrecht sondern als Investition in das eigene „Humankapital“ wahrgenommen werden. Diese Meinung wurde von neoliberalen Lobbys und Konzernen jahrelang modelliert, die bis heute viel Geld und Kraft in die Reform der europäischen Bildungssysteme stecken. Der Zweck dahinter: Die Unis sollten unter Budgetdruck und dem Anreiz privater Investitionen dazu gebracht werden den Unternehmen AbsolventInnen in Aussicht zu stellen, die speziell an die dortigen Arbeitsplätze angepasst sind. Damit sollten die Gewinne der Unternehmen erhöht werden. Die Europäische Industriellenvereinigung (ERT) beklagt beispielsweise, dass „die Industrie momentan zu wenig Einfluss auf die Lehrpläne hat“ und, „[dass] die Lehrenden nur ein ungenügendes Verständnis von Geschäft, Profit und den Bedarf der Industrie haben“. Die EU - Kommission ist hauptsächlich besorgt bezüglich des „mangelnden Unternehmergeistes sogar der Hochqualifizierten“. Das ist die Melange aus der alle jüngeren Bildungsreformen in Österreich gemacht waren.
Aus der Sicht einer neoliberalen Politik werden zwar mehr AkademikerInnen benötigt, auf der anderen Seite sollen aber die Ausgaben dafür sinken. Dieser Widerspruch kann nur dadurch gelöst werden, indem einerseits die Studierenden selbst Beiträge zahlen, die Studienzeit verkürzt wird und weiters die Universitäten attraktiv für private Investitionen werden. Daraus ergeben sich mehrere Probleme: Als erstes wollen sparende Universitäten nur möglichst wenige Studierende. Wenn daher Zugangsbeschränkungen (also Aufnahmetests, Studiengebühren oder Notendurchschnitte) eingeführt werden, benachteiligt das empirisch gesehen Menschen aus ärmeren Familien und Frauen, weiters sinkt die AkademikerInnenquote. Eine weitere Möglichkeit der Einsparung und Marktanpassung sind die Verkürzungen der Massenstudien (Magister wurde zum Bachelor) und Zugangsbeschränkungen bei höheren Stufen (Master, PhD) die eine wissenschaftliche „Elite“ produzieren sollen. Als Argument wird bei der Verkürzung der Massenstudien oftmals die heutige „Notwendigkeit zu lebenslangem Lernen“ verwendet. Dabei soll in kurzen Studiengängen nicht mehr faktisches Wissen, sondern das „Lernen auf Abruf“ und die Nutzung von Informationstechnologien beigebracht werden. Die individuelle Weiterbildung soll in der Freizeit am Computer und mit Zertifikaten am Bildungs-Privatmarkt organisiert werden. Das alles ist auch mit dem neuen Universitätsgesetz der Österreichischen Bundesregierung vorgesehen und auch die „Elite Universität“ in Gugging wurde dahingehend geplant.
Ökonomisierung klingt neutral ist aber ein höchst politischer Vorgang und deshalb ist auch die Kritik daran groß. Einerseits heißt privatisierte Bildung mehr soziale Selektion, egal ob im Kindergarten, in den Schulen oder den Universitäten. Auch kann empirisch nicht gesagt werden ob die Beschränkung auf eine „Elite“ volkswirtschaftlich überhaupt „nützt“, wenn gleichzeitig die Breitenbildung vernachlässigt wird – Eher das Gegenteil ist der Fall. Weiters kann man hinterfragen, ob nicht genau in unserer wirtschaftlich instabilen Epoche die Bedeutung von „haltbarem“, antizyklischem und kritischem Verständnis steigt. Private Unternehmen können dieses nicht bieten, da der Markt nicht weiß was Zukunft ist.
